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Tag 9 - 29.Dezember 2001


Finnsnes (Nachts) - Harstad - Risøyhamn - Sortland - Stokmarknes - Svolvær - Stamsund

 

0700 Hoffnungsvolles Erwachen. Ein besonderer Tag während dieser Passage. Mein erster Blick geht durch das Bullauge. Ich suche die Helligkeit des Vollmondes. Hat das klare, fast wolkenlose Wetter gehalten. Der Hintergrund, vor acht Jahren habe von all der zu erwartenden Pracht der Vesterålen und Lofoten nichts gesehen. Die tiefhängenden Wolken verdeckten jegliche Sicht.

 

0800 Anlegen in Harstad.

Am Kai liegt die M/S Richard With. Wir legen am hinteren Teil des Kais an. Lange sind wir nicht beisammen. Die M/S Richard With ist bereit zum Ablegen und ist bald nur noch ein Lichtpunkt am Firmament. 

Viele Rundreisepassagiere nutzen die Gelegenheit für eine Bustour auf den Vesterålen.
Diese verläuft gleichzeitig zur Fahrt der M/S Kong Harald nach Sortland.

 

0830 Ablegen nach Risøyhamn.

Das Dunkel der Polarnacht lichtet sich. Ein klarer kalter Morgen öffnet sich. Das Morgenrot im Osten und der Vollmond im Norden setzten farbenfrohe Akzente im blauen Allerlei der Küstenlandschaft.

Lange dauert es nicht und wir erreichen einen schmalen Wassergraben im flachen Küstengefüge vor Risøyhamn. Diese fahrbare Rinne (Risøyrenna) wurde 1922 ausgehoben, um auch größeren Schiffen, den Zugang zur Inselwelt zu öffnen. Links und rechts begrenzen Bojen den fahrbaren Spielraum des Schiffes.
Dem traditionellen Hurtigrutenschiff M/S Ragnvald Jarl ist es am 20. Februar 1978 trotz dessen gelungen, hier auf Grund zulaufen. Bei Ebbe beträgt die Wassertiefe nur 7 Meter. Von weitem ist die Brücke erkennbar, die Risøyhamn (auf der Insel Andøy) mit der Insel Hinnøy verbindet. Ich bewundere immer wieder die kühne Bauweise der Norweger. Beim Blick dahinter lodern die Berge feuerrot. Mir kommt eine Idee für ein gutes stilistisches Foto.

 

1030 Anlegen in Risøyhamn.

Ein Problem, was wohl alle südgehenden Schiffe haben, ist die backbordseitige Wendung zum Kai. Die Verladerampe des Schiffes liegt auf der linken Seite. Die kurze Zeit wird für die stilistische Aufnahme genutzt, die mir während des ersten Anblickes der Brücke kam.

 

1100 Ablegen nach Sortland.

Es besteht keine Wendemöglichkeit, also fährt das Schiff rückwärts unter der Brücke durch und wendet erst nach dieser Passage. Die Farben am Himmel zeigen immer mehr Kontraste.

 

1230 Anlegen in Sortland.

Ein lauter Hall durchpflügt den Luftraum über Sortland. Absprache oder perfektes Timing. Der Bus mit den Landgängern überquert in dem Moment den höchsten Punkt der Brücke von Sortland, wo auch die MS Kong Harald, die Brücke unterhalb passiert.

 

1300 Ablegen nach Stokmarknes.

 

1415 Anlegen in Stokmarknes.

Hell erleuchtet steht sie da, erhaben und dennoch dem eigentlichen Zweck entbunden, die alte gute M/S Finnmarken. Stokmarknes ist die Geburtsstadt der Hurtigrute. Richard With bot 1893 die praktische Voraussetzung zu dieser lebenswichtigen Verbindungsader der Küstenbewohner. August Kriegsman Gran hatte die Idee und arbeitete als Verantwortlicher im norwegischen Ministerium. Heute ist die Geschichte im Hurtigrutemuseum in Piernähe greifbar, jedoch für einen sehr hohen Preis. Für umgerechnet 17,-DM kann man die M/S Finnmarken und das Museum erkunden. Mich zieht es zum Schiff. Der Unterschied zur M/S Harald Jarl interessiert mich. Nach einer langen Fahrstuhl- und Flurpassage komme ich zu einem Cafe, der Eintritt zur Vergangenheit! Hoher Schnee empfängt mich beim Übergang.
Es ist kalt im Schiff, das gespenstig und leer wirkt. Verlässt mit der Crew und den Passagieren auch der Geist das Schiff, sobald es kein Wasser mehr unter dem Kiel hat? Alle Gegenstände wurden stehen gelassen, dennoch finde ich keinen Bezug zu meinen Erinnerungen an das Jahr 1993 und 1994 oder blockiert der sehr kurze Zeitraum dieses Besuches meine Empfindungen. Immerhin war ich ja auch schon mit der M/S Ragnvald Jarl unterwegs und dieses Schiff ist baugleich mit der M/S Finnmarken.

 

1515 Ablegen nach Svolvær.

Es ist wieder dunkel geworden. Viele sitzen im vorderen Panoramaraum auf Deck 7. In Erwartung des kommenden Ereignisses füllt sich der Raum zusehends. Vor uns liegt die berühmteste Stelle der Inselpassage des heutigen Tages. Der Raftsund, eine enge Wasserstraße, die auf beiden Seiten von 1000 Meter hohen Bergen begrenzt wird, ist im Winter und Sommer ein Magnet. Wir haben zwei Sessel in erster Reihe ergattert und beobachten die Einfahrt in den engen Sund. Die Felsen sind greifbar und die roten und grünen Lichter kommen Fackeln gleich, die im Schnee stecken und nur heraus gezogen werden müssen. Der Faszination dieser Landschaft erlegen, geben wir beizeiten unsere Ruhepunkte auf und gehen nach draußen. Die Panoramasicht von Außendeck 5 kommt der Wirklichkeit näher. Der Wind und die Kälte ergreifen uns. Die Felsen der steilen und zerklüfteten Berge erstrahlen im Mondlicht.

 

1830 Anlegen in Svolvær.

Der Reiseleiter hat ein Besuch der Galerie des Künstlers Dagfinn Bakke organisiert.
Gleich nach dem Anlegen ziehen wir durch die winterliche Innenstadt von Svolvær.
Das Atelier liegt im Obergeschoss eines dreistöckigen Hauses in Marktnähe. Wir werden erwartet und tauchen in die Welt des Künstlers ab, der die Inselwelt und das Nordlicht in seinen Bildern verewigt. Kein Foto könnte je so eine Stimmung und Momentaufnahme wiedergeben, wie die Bilder von Dagfinn Bakke. Lange dauert es nicht und mein Lieblingsbild ist gefunden. Ein Gefühl des inneren Streitens kommt in mir auf. Die eine Partei ist verliebt in das Bild, die andere denkt angesichts des Preises etwas realistischer und rät dazu nur den Anblick zu genießen. Unentschlossen gehe ich umher. Würden die anderen Passagiere des Kampf hören, das Schlachtgetümmel im Mittelalter ist eine Ruheoase dagegen. Ich wähle den Mittelweg und verlasse das Atelier. Mich verschlucken die leergefegten Straßen des Ortes. Ich muss an früher denken. 1994, ein ganz heißes Jahr, im Sommer und zu Weihnachten war ich hier. Die Hurtigrute (M/S Lofoten) bot mir damals ein Abendessen. Alle Restaurants geschlossen.

 

1930 Ablegen nach Stamsund.

 

2100 Anlegen in Stamsund.

Das erste was mit auffällt, ist das renovierte Gebäude am Kai, der voll von Menschen ist. Selbst ein Aufenthaltsraum ist entstanden. Innen mit Bildern vom Leben auf den Inseln. 
Viele Autos warten. Alle verschluckt der Riese, der dominierend alle Gebäude in Hafennähe zu Zwergen erklärt: Gerade im Norden wirkt das kompakte Erscheinungsbild der M/S Kong Harald wie eine Festung: Wie wirkt das erst bei den beiden Schiffen der neuen Generation, der M/S Finnmarken und der sehr futuristisch wirkenden M/S Trollfjord.

 

2130 Ablegen nach Bodø.

Weiß vom Schnee und beleuchtet vom Mond zieht sich ewig die gezackte Kette der Lofoten nach Südwesten. Die M/S Kong Harald entfernt sich langsam vom felsigen Ufer vor Stamsund und schlägt den Weg nach Südosten, über den Vestfjord ein. Die Überfahrt über den Vestfjord kann Himmel, aber auch Hölle sein. Ich kenne beides. Der heutige Abend auf der offenen Seestrecke ist sehr ruhig. In mir kommt jenes Gefühl auf, was ich immer beim verlassen eines wunderschöner Ortes hatte und habe. Sehnsuchtsvoll blicke ich nach Südwesten, der Felskette  der Lofoten hinterher.