Mit dem Postschiff M/S Kong Olav unterwegs auf der Hurtigrute

Ein Gastreisebericht von Klaus - Dieter Schneider. Zeitraum vom 22. September 1995 bis zum 03. Oktober 1995.

Freitag 22. September 1995 - 1. Tag

Da liegt sie, fest vertäut am regennassen Kai von Bergen, die >Kong Olav<. Das Schiff der Hurtigrute, auf dem ich die nächsten elf Tage zuhause sein werde. Sozusagen mein „Traumschiff“. Mit einigem Kribbeln im Bauch habe ich diesen Augenblick erwartet.

Das Einchecken ist schnell erledigt. Die Kabine (Nr.43) ist auch rasch gefunden. Vielleicht sollte ich mein Domizil besser als Kajüte bezeichnen, denn mehr als ca. 2,5 x 3 Meter sind es nicht. Darauf verteilt sich eine Koje mit zwei Schubladen darunter, ein winziger Spind, ein Waschbecken und ein Hocker. Nein, keine Klage. Schließlich habe ich bewusst auf einen möglichen Komfort verzichtet und auf einem betagten Schiff eine einfache Kabine gebucht, um auch in dieser Hinsicht den Reiz der traditionellen Küstenschifffahrt zu erleben.

Bei einem ersten Rundgang über das Schiff, das nun schon über 30 Jahre auf dem Schornstein hat, mache ich mich mit den Örtlichkeiten vertraut. Die Orientierung fällt zunächst nicht leicht, aber das kommt schon noch.

Das Restaurant finde ich jedenfalls sehr bald. Erst jetzt merke ich, dass ich seit dem Frühstück in Oslo nichts mehr gegessen habe. Die Chef-Stewardess [sagt man so?] weist mir einen guten Platz am Fenster zu, der während der ganzen Reise reserviert sein wird. Als Tischnachbarn gesellt sich ein älteres Ehepaar aus Holland, aus der Nähe von Utrecht hinzu. Die beiden sind ebenfalls schon häufiger in Norwegen gewesen und wollen sich mit dieser Reise „einen Traum erfüllen. Das Buffet (warm/kalt) sieht sehr verlockend aus. Ich nehme mir aber gleich vor, mir den Bauch nicht zu voll zu schlagen.

Nach dem Essen verstaue ich meine Sachen so gut es eben geht. Schnell zieht es mich wieder an Deck. Der Regen hat zwischenzeitlich aufgehört. 7 Grad zeigt das Thermometer. Sanft dümpelt das Schiff am Kai.

Noch zehn Minuten bis zur planmäßigen Abfahrt. Gespannt stehe ich an der Reling und beobachte jede Bewegung, jede Einzelheit  Die Fracht ist längst schon verstaut. Gleich geht es los zur großen Reise gen Norden. Es sind nur relativ wenig Leute (vielleicht 30 Fahrgäste) an Bord. Alles wartet auf die Abfahrt.

Ein dreimaliges Tuten in bestem Basston gibt pünktlich um 22.30 Uhr das Signal: Leinen los. „Nordgående Hurtigrute - KONG OLAV“

Hell erleuchtet liegt die Stadt Bergen hinter dem Heck. Eigentlich wäre jetzt ein Feuerwerk angebracht. Aber der Anlass - die Abfahrt eines Postschiffes nach Kirkenes - ist hier ja alltäglich. Bald passieren wir eine große Hängebrücke. Wie eine riesige Lichtergirlande in dunkler Nacht. Hell wird das Deck erleuchtet, als wir darunter hindurch fahren.

Vielleicht habe ich schon jetzt meinen Stammplatz an Deck gefunden. Hier oben jedenfalls (direkt hinter der Brücke, windgeschützt und mit Rundumblick) genieße ich die ersten Eindrücke der Reise. Die Schiffsverkehr von und nach Bergen  ist auch am Abend sehr rege. Bald schon ist die Stadt nur noch ein, von den Wolken reflektierter Lichtschein. Nach knapp einer Stunde Fahrtzeit wölbt sich ein klarer Sternenhimmel über der >Kong Olav<. Es ist einfach schön hier oben zu stehen - warm angezogen. Ich denke, dass ich soviel Zeit wie irgend möglich an Deck sein werde.

Samstag, 23. September.1995 - 2.Tag

Wenig habe ich in der ersten Nacht an Bord geschlafen. Die Bewegungen des Schiffes, das Vibrieren der Motoren, dazu die ständige Geräuschkulisse sind gewöhnungsbedürftig. Die Kabine liegt zwar mittschiffs, doch recht nahe dem Maschinenraum.

Im Morgengrauen gehe ich an Deck. Dunkle Regenwolken hängen über dem Fjord Trøsjørn. Der sagenumwobene Felsen Hornelen (auf dem Gipfel sollen sich am Weihnachtsabend und in der Mitternachtssonne Hexen treffen, um mit dem Teufel zu tanzen) wirkt bei diesem Licht geradezu gespenstisch. Kurz vor Måløy und später im dortigen Hafen gehen kurze Hagelschauer nieder. Es sind  gerade mal acht Grad.

Zeit zum Frühstück. Der Dampfer hat etwas Verspätung. Sicher nur, damit wir erst in Ruhe frühstücken können. Jedenfalls gleiten wir mit der letzten Tasse Kaffee zwischen den schützenden Inseln hinaus aufs Meer. Sogleich beginnt es heftig zu schaukeln. Das Schiff bewegt sich in alle erdenklichen Richtungen und es ist gar nicht so einfach, sich auf den Beinen zu halten. Besonders die Treppen sind bei diesem Seegang interessant. Entweder kommen einem die Stufen plötzlich entgegen, oder sie verschwinden in der Tiefe.

Ich sitze im „blauen Salon“ [von mir so genannt, weil die Einrichtung ganz in blau gehalten ist, einschließlich der bequemen Ledersessel]. Er liegt direkt unterhalb der Brücke und man hat von hier einen guten Blick über den Bug des Schiffes hinaus. Mit dieser Sicht nach vorne macht es richtig Spaß, den Seegang zu erleben. Man bekommt die Bewegungen des Schiffes auch optisch mit und kann sich (bis zu einem gewissen Grad) darauf einstellen. Das sanfte Rollen heute nacht in der dunklen Kabine empfand ich da wesentlich unangenehmer.

Wir umfahren das norwegische Vestkapp. Dieser westlichste Punkt des Landes ist ungeschützt den Wettern des Nordatlantiks ausgeliefert. Somit ist die rauhe See hier zu erklären. Jetzt kommt sogar die Sonne heraus, durch ein blaues Loch inmitten der grauen Wolkendecke. Fast wäre ich mit dem Sessel umgekippt und wechsele lieber auf die festgeschraubte Couch. Die Gischt spritzt mitunter kräftig an die Fensterscheiben. Es ist wie in einem Karussell - nur viel länger...

Nach etwas mehr als einer Stunde taucht backbord voraus die Insel Skorpa  am Horizont auf. Diese und einige andere, darunter die bekannte Vogelinsel Runde, werden uns auf der Weiterfahrt gegen die rauhen Atlantikwellen schützen. Nachdem das Wasser nicht mehr an Deck spritzt, begebe ich mich dorthin. Das Schiff neigt sich noch ab und zu ganz fotogen zur Seite. Die Sonne begleitet uns nun nach Ålesund. Das „uns“ muss an dieser Stelle betont werden, denn ringsherum hängen dunkle Regenwolken dicht über dem Wasser.

Mit einer Verspätung von knapp einer Stunde legen wir in Ålesund an. Deshalb wird die Liegezeit kurzfristig verkürzt, damit es planmäßig um 15.00 Uhr weitergehen kann. Die Arbeiter stehen somit gehörig unter Zeitdruck, um die Paletten mit den Ölfässern, Pflastersteinen, Dachziegeln, Lebensmitteln, Autoreifen und vielem anderem aus- bzw. einzuladen. Auch ein Motorrad muss mit und in letzter Minute wird noch eine Straßenlaterne an Deck verzurrt.

Für uns Passagiere bedeutet die verkürzte Zeit im Hafen eine Reduzierung des geplanten Stadtbummels oder den Verzicht auf das Mittagessen. Der kurzfristige Regenschauer erleichtert mir die Wahl. Außer den Offizieren am Nebentisch macht mir niemand die Köstlichkeiten des Buffets streitig. Mit dem letzten Bissen kommt auch die Sonne wieder zum Vorschein und ich gönne mir noch einen halbstündigen Verdauungsspaziergang durch Ålesund, ein nettes und lebhaftes Städtchen. Vor einigen Jahren war ich ja schon einmal kurz mit einem Schiff der Hurtigrute, der >Vesterålen<, hier. Damals allerdings mitten in der Nacht. Nun, vielleicht klappt es ja einmal mit einem ausführlichen Besuch.

Auf der Weiterreise in Richtung Molde liegt das Schiff ganz ruhig im Wasser. Überhaupt scheint jetzt eine nachmittägliche Ruhe eingekehrt zu sein. Ich habe große Lust zu einem kurzen Nickerchen. Doch am Horizont tauchen im Sonnenlicht die ersten schneebedeckten Gipfel auf. Wir passieren Inseln und Uferregionen, die deutlich machen, warum nur ein geringer Teil der norwegischen Grundfläche zur Besiedlung geeignet ist. Ein flacher Uferstreifen von wenigen  hundert Metern ist grün, kultiviert und bewohnbar. Daran schließt sich ein Waldgürtel an, dem an einigen Stellen noch ein paar Quadratmeter für ein Feld oder eine Wiese abgerungen wurde. Unmittelbar dahinter ragen kahl und steil die von längst vergangenem Gletschereis glattgeschliffenen Felsen empor.

Ganz plötzlich hat es sich rundherum wieder zugezogen, alles ist nur noch grau in grau. Im Regen kommen wir nach Molde. Der kurzer Aufenthalt lässt gerade soviel Zeit, um sich einmal die Füße auf festem Boden zu vertreten.

Auf der Weiterfahrt ist die Begegnung mit der südgehenden Hurtigrute während der Durchfahrt durch den Julesundet angesagt. Die Vorbeifahrt will ich fotografieren, zumal es sich um die >Harald Jarl<, also auch eines der alten Schiffe, handelt. Leider kommt die Dunkelheit dazwischen. Nur kurz sehen wir den Dampfer südwärts vorbeihuschen. Auch dort setzt man sich gerade zum Abendessen.

Das ist das Stichwort für das nächste Kapitel: Ein solches Abendessen habe ich noch nicht erlebt. Nicht etwa weil es gekochten Heilbutt mit Kartoffeln und Gurkensalat (vorher Tomatensuppe und anschließend Schoko-Pudding) gibt, sondern  vielmehr die Begleitumstände sind bemerkenswert.

Kaum haben wir Platz genommen, erreicht das Schiff das Seegebiet Fræna. Hier sind wir erneut ungeschützt den rauhen Seewinden aus Nordwest ausgesetzt - mit entsprechendem Seegang. Trotzdem geht es recht lustig im Speisesaal zu. Dank der Gummitischdecken kann zwar nichts verrutschen, aber für einige Wein- und Wassergläser ist der Neigungswinkel dann doch schon mal zu groß um aufrecht stehen zu bleiben. Die Gabel unfallfrei zum Munde zu führen erfordert besondere Konzentration.

Bewundert werden die drei Damen vom Service. Beim Nachschenken geht kein Tropfen daneben. Wie im Varieté tänzeln sie leichtfüßig mit Tellern und Schüsseln beladen durch die Reihen. Allerdings zeugt lautes Klirren hinter den Kulissen, dass doch etwas schief gelaufen ist. Das trägt zur allgemeinen Heiterkeit sowohl der Gäste als auch der Offiziere am Nebentisch bei. Allen geht es bestens, wir genießen geradezu die Umstände dieses außergewöhnlichen Abendessens. Passagiere auf der Hurtigrute müssen ebenso seefest sein wie die Besatzung.

Alle sind es offensichtlich nicht. In der Cafeteria nebenan sitzen zwei blasse Kanadier vor leeren Gläsern und murmeln etwas von „...never Hurtigrute“.

Um es klar zu stellen: Hier ist nicht die Rede von meterhohen Brechern, die auf das Deck krachen, sondern nur von (normaler) rauher See. Dennoch legt sich das Schiff oftmals ganz schön auf die Seite, so dass man mitunter auch Kraft aufwenden muss, um sich festzuhalten oder gerade stehen zu bleiben. Die gewaltigen Kräfte, die jetzt auf das Schiff einwirken sich deutlich zu spüren. Die Arbeiter haben die auf dem Ladedeck stehende Fracht (einen Container aus Molde) gründlich verzurrt. Ich nehme an, gleiches ist mit den Paletten im Frachtraum geschehen. Ein derartiger Seegang würde auf einem der großen neuen Hurtigschiffe wie z.B. der >Richard With<, die uns mit 24 Stunden Abstand folgt, weit weniger zu spüren sein. Dort fällt sicher kein Glas um.

Sonntag, 24. September.1995 - 3.Tag

Die Nacht war wieder ganz ruhig. Ich habe sozusagen vom Anleger in Kristiansund bis zum Kai in Trondheim durchgeschlafen. Hier liegen wir jetzt bis um 12.00 Uhr mittags. Zeit genug also um in Ruhe zu duschen, gemütlich zu frühstücken und dann noch einen Stadtbummel zu machen.

Als ich um 8.30 Uhr in den Speisesaal komme, sitzt dort nur der Kapitän vor einer Tasse Kaffee. Sein fragender Blick macht mich stutzig, zumal die übrigen Gedecke auf den Tischen noch unberührt sind. Plötzlich fällt mir ein: ich bin zu früh, denn ab heute haben wir ja Winterzeit.

Vor uns am Kai hat die >Midnatsol< festgemacht. Gerade werden dort Kisten mit frischem Fisch aus dem Norden ausgeladen und im gegenüberliegenden Kühlhaus verstaut. Alle Arbeiten konzentrieren sich jetzt auf das südgehende Schiff, das zwei Stunden früher wieder ablegen wird. Die >Kong Olav< scheint in diesem Moment keiner zu beachten.

Nach dem (nun zeitgerechten) Frühstück mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt von Trondheim. Natürlich herrscht sonntägliche Ruhe, zumal es noch recht früh am Tag ist. Die breiten Straßen und die lange Fußgängerzone wirken jetzt maßlos übertrieben. Leider ist auch der berühmte Nidarosdom geschlossen. Ich tröste mich damit, dass ich ja schon zweimal drinnen war, obwohl er doch immer wieder einen Besuch wert ist. So spaziere ich durch das nahe Altstadtviertel entlang des Nidaelvs.

Bei strahlendem Sonnenschein und warmen 14 Grad legen wir pünktlich zur Mittagsstunde ab. Ich dachte schon, die vielen Leute zuvor auf dem Schiff wollten alle mitfahren, jetzt aber stehen die meisten von ihnen auf der Pier. Zum Programm der Trondheimer am Sonntagvormittag gehört wohl auch ein Rundgang über das jeweilige Postschiff. An Bord ist es weiterhin angenehm leer und beschaulich.

Langsam gleiten die bewaldeten Ufer des Trondheimfjordes vorbei. Kaum haben wir den schützenden Fjord verlassen und drehen nach Norden, beschert uns eine steife Brise wieder einige Grad Schlagseite nach Steuerbord. Gischt treibt über das Deck. Wohl dem, der einen windgeschützten Platz gefunden hat.

Der Wind lässt nach, als wir mit ganz langsamer Fahrt im Zickzackkurs durch die engen Schären im Stokksundet fahren. Dafür nimmt aber dichter Nebel fast jegliche Sicht. Manchmal ist nicht auszumachen, wo hier ein Durchkommen sein soll. Nur schemenhaft sind kahle Felsen zu erkennen, obwohl sie mitunter nur wenige Meter entfernt sind. [Wie funktioniert eigentlich ein Radar?]. Erfahrung und Konzentration der Männer auf der Brücke ist jetzt besonders gefragt.

Nichts scheint auf dieser Reise so beständig zu sein, wie die Unbeständigkeit des Wetters. Der Nebel ist gewichen und gibt die Sicht frei auf eine größere Insel weit vor dem Bug der >Kong Olav<. Schnell schiebt sich eine dicke Regenwolke wie ein Vorhang davor. Es wird stockdunkel. Dann fällt plötzlich die Sonne durch ein Wolkenloch herein und ein prächtiger Regenbogen entsteht direkt vor uns, so nah, dass ich befürchte, das Schiff rammt dessen linken Fuß. Dahinter taucht ein weiß leuchtender Frachter auf, der sich uns schnell nähert.

All dies erlebe ich von meinem Lieblingssessel im blauen Salon (norw. Salong) aus. Schnell rüste ich mich in der Kabine mit Mütze, Pullover und Foto zum nächsten Deckaufenthalt. Aber draußen empfängt mich schon wieder graues Einerlei und nasser Wind. So schnell wechseln hier die Wetterverhältnisse. Ich schwanke zwischen warmen Sessel oder kaltem Deck. Da es überwiegend eher unfotogenes Wetter gibt, schließe ich einen Kompromiss und lege die wetterfeste Kleidung im Salon bereit. Schon wieder Sonnenschein ...

Die heutige „Achterbahnfahrt“ erwartet uns auf dem Seeabschnitt vor Rørvik. An den Felsen voraus und dem Horizont ist deutlich zu erkennen, dass sich das Schiff nicht nur um die Längs- und Querachse, sondern auch um die Hochachse dreht. In der bewegten See scheint es gar nicht so einfach, ein Stück geradeaus zu fahren. [Ich gehe allerdings davon aus, dass wir weiterhin auf dem richtigen Kurs sind]. Selbst wenn man nach vorne über den Bug schaut und die Wellen beobachtet, überraschen oft die Bewegungen des Schiffes.

Die gummierten Tischdecken sind heute Abend reine Vorsichtsmaßnahme. Pünktlich zum Abendessen erreichen wir diesmal ruhiges Fahrwasser. Mit Lamm, Bratkartoffeln, Möhren und Blumenkohl werden wir reichlich verwöhnt. Von der Championsuppe und dem Eis mit Früchten gar nicht zu reden. Nach dem zweiten Nachlegen muss ich freundlich aber bestimmt ablehnen, sonst würde der Teller nochmals gefüllt.

Unter einer gelb erleuchteten Hängebrücke hindurch erreichen wir in den Hafen von Rørvik. In der Dunkelheit fällt ein großes, hell erleuchtetes Gebäude auf.

Es entpuppt sich beim Näherkommen als ein „Hotel“ namens >Nordlys< und ist Teil der Hurtigruten-Flotte. Genauer gesagt ist es das derzeit neueste Schiff, erst 1994 in Dienst gestellt. Für eine gute halbe Stunde führt hier der Fahrplan zwei Generationen der Postschiffe zusammen. Die Brücke unserer >Kong Olav< reicht gerade mal bis in Höhe der Bugspitze der >Nordlys<. Zwei große Schiffe können an diesem Kai gar nicht hintereinander festmachen. Entweder er wird ausgebaut oder der Fahrplan muss geändert werden. Noch ist es, Gott-sei-Dank, nicht soweit.

Relativ viele Menschen stehen an der Mole und beobachten das Festmachen der >Kong Olav<. [Wollen die alle hier an Bord?] Ja - und Nein. Eine größere Gruppe von ca. 25 Personen schart sich um eine junge Frau, die offensichtlich interessantes zu erzählen hat und dabei immer wieder zu uns herüber zeigt. Ich schnappe etwas von „old Generation“ auf. Dann - oh jeh - stolpert die Meute an Bord.

Ja, stolpern ist der richtige Ausdruck. Denn mit so etwas wie dieser schmalen und wackligen Gangway sind die Touris der >Nordlys<, offensichtlich meist „Amis“, bislang noch nicht konfrontiert worden. Wie in einem Museum wirkt ihr Rundgang über unser Schiff. Da ein kurzer Blick in den antiquierten Speisesaal, hier ein mitleidigendes Lächeln beim Anblick der offenen Gepäckgestelle im Untergang. Auch wir Passagiere werden bestaunt. Fehlt nur noch, dass sie uns ein paar Dollar in die Hand drücken, damit auch wir uns mal eine Passage auf einem „richtigen“ Schiff leisten können.

Wut kommt in mir auf. Und Stolz. Ja, Stolz auf die >Kong Olav< und darauf, dass ich hier mitfahren darf!

Die Besatzung der >Nordlys< scheint auch nicht viel besser. Pardon, ich meine speziell einen der Offiziere. Er steht mit unserem zweiten Steuermann auf der Pier. Den Rangabzeichen nach besteht zwischen beiden kein Unterschied. Aber während der Unterhaltung bemüht der „Andere“ wichtigtuend sein Funkgerät, während „Unserer“ die Hände lässig in den Taschen vergraben hat. Und die Uniformen: da korrekt gebügelt, hier liebenswert zerknittert.

Meine Vorliebe für den blauen Salon teile ich mit Angela aus Kalifornien. Da sie nur (amerikanisches) Englisch spricht, ist unsere Unterhaltung sehr mühsam. Soviel verstehe ich aber immerhin, daß sie eine Freundin in Schottland besucht hat und nun noch einige Zeit in Dänemark und Norwegen verbringen will. Die Lofoten sind ihr nächstes Ziel. Nun, auch der Zahlmeister bemüht sich eifrig, ihr die Zeit zu verkürzen.

Montag, 25. September 1995 - 4.Tag

Der erste Blick nach draußen begeistert. Sonnenschein, blauer Himmel und vorüberziehende Inseln. Auf dem aktuellen Film sind nur noch wenige Aufnahmen, gerade richtig für einige Fotos im Morgenlicht. Doch dann - für mich völlig überraschend - gleitet im ruhigen Fahrwasser die >Nordnorge< auf Südkurs vorüber. Beide Schwesterschiffe grüßen sich mit dem dreifachen Baß der Schiffssirenen. Glück gehabt, das war das letzte Foto und keinen Ersatzfilm griffbereit. Ich werde mir den Fahrplan der Hurtigrute für die nächsten Tage wohl mal etwas genauer ansehen müssen.

Zum Frühstück wird uns dann das herrliche Panorama schneebedeckter Berge serviert (neben den üblichen Köstlichkeiten des Buffets). Zwischen zahllosen kleinen und größeren Inseln hindurch gleitet das Schiff langsam dahin. Ich stehe oben an Deck, direkt hinter der Brücke und wechsele ständig von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück. Immer neue Bilder, zusammengesetzt aus den Elementen Wasser, Felsen, Wolken, Sonne, Schnee, vereinzelten grüne Wiesen, manchmal auch ein buntes Haus oder ein Boot. Nicht alles lässt sich fotografieren, aber zum Bestaunen ist diese faszinierende Landschaft bestens geeignet.

Viel zu schnell vergeht die Zeit, schon ist der nächste Hafen erreicht. Ørnes ist ein kleiner Ort mit bunten Häusern, idyllisch inmitten dieser Zauberlandschaft gelegen. Eine Gruppe von bald zwanzig Wanderern kommt, schwer bepackt mit prallen Rucksäcken, an Bord. Die Jungen und Mädchen, alle so um die 20 Jahre alt, machen einen müden und erschöpften Eindruck. Die letzte Nacht haben sie wohl bei Kälte und Regen im Zelt verbracht. Die klammen Schlafsäcke sind bald an allen möglichen Stellen zum Trocknen ausgebreitet. Umziehen, duschen, die Füße hochlegen, ein warmes Getränk und die aktuelle Zeitung. An Bord der Hurtigschiffe erholt sich jeder entsprechend seinen Bedürfnissen. Gegensätze: Ebenfalls in Ørnes wird ein Auto an Deck der >Kong Olav< gehievt. Es handelt sich um einen „Amischlitten“, der, passend zum Fahrer besser im Milieu des Frankfurter Bahnhofsvietels aufgehoben wäre [Miljø bedeutet im Norwegischen soviel wie Umwelt].

Die Reise geht weiter in Richtung Bodø, das wir zur Mittagszeit erreichen werden. Es fällt mir schwer (zumal mit einem zeitlichen Abstand von einigen Stunden), die Eindrücke dieser berauschenden Landschaft schriftlich festzuhalten. Verinnerlicht habe ich aber die Bilder, die fast lautlos an mir vorüberziehen, während ich in einer windgeschützten Ecke an Deck stehe.

Der Flughafen von Bodø liegt in unmittelbarer Nähe der Küste und die anfliegenden Jets kreuzen in geringer Höhe den Kurs der Hurtigrute kurz vor der Hafeneinfahrt. Letztes Jahr im Juni saß ich selber in einem dieser Flieger der SAS, die jetzt lärmend dicht über dem Schornstein der >Kong Olav< hinweg donnern. Das Hotel am Yachthafen, eigentlich ein hässlicher Betonklotz, der Bahnhof und vieles mehr sind mir aus früheren Besuchen bekannt. Dieses Gemisch aus Wohlvertrautem und Neuem ist es, was ich -wieder einmal- so spannend finde. Die knapp drei Stunden unseres Aufenthaltes in Bodø nutze ich zu einem ausgedehnten Rundgang.

Ein Bier im Pavillongen gehört natürlich zu einem Aufenthalt in Bodø. Wie wenig ich hier einen Touristen abgebe, zeigen die Ansprachen zweier Passanten. Nun, dem älteren Mann konnte ich seine Frage nach der Uhrzeit noch zufriedenstellend beantworten [gelernt ist eben gelernt - ha,ha!!!]. Schwieriger ist da schon die Angelegenheit mit dem Kinderwagen. So ganz verstehe ich die junge Mutter zwar nicht, begreife aber, dass sie Probleme mit der Mobilität ihres Nachwuchses hat. Ein Rad am Wagen hat sich gelöst. Mit Kinderwagen kenne mich leider nicht aus, mit norwegischen schon gar nicht. Doch offensichtlich ist hier ein Sicherungsstift stiften gegangen. Es bleibt nur der Vorschlag, das Dreirad ins nächste Taxi zu verfrachten. Aber lustig war es dann doch; weder sie noch ich haben mehr als die Hälfte dessen verstanden, was gesprochen wurde.

Zurück an Bord mache ich mir etwas Gedanken um die Sache mit dem zwischen 15.00 und 18.00 Uhr reservierten (Rauch-)Salon. Von der sogenannten „Polartaufe“ habe ich ja gelesen. Dabei wird den Touristen auf den Postschiffen aus Anlass der Überquerung des nördlichen Polarkreises (das war heute Nacht) eine Kelle kaltes Wasser in den Kragen geschüttet, als Preis für ein Glas Aquavit und eine Urkunde. Die werden doch nicht ...?. Schon überlege ich mir Ausreden (nicht wegen der kalten Dusche, aber dieser Touri-Tam-Tam passt nun wirklich nicht in die rustikale und ruhige Atmosphäre auf der >Kong Olav<). Des Rätsels Lösung: Der Raum wurde reserviert für den Betriebsausflug eines Ingenieurbüros aus Bodø. Am Abend fahren sie mit dem Gegenschiff zurück aufs Festland.

An Deck stehend erlebe ich die Abfahrt aus Bodø. Die Leuchttürme an der Küste werden kleiner und verschwinden bald ganz. Dafür wächst vor dem Bug langsam die berühmte Lofotenwand aus dem Meer empor. Zunächst klein und schemenhaft, werden die schroffen Felsen beim Näherkommen immer gewaltiger.

Diese Eindrücke und die Erlebnisse des Vormittages will ich während der vierstündigen Überfahrt auf die Lofoten zu Papier bringen. Aber - oh Schreck, der blaue Salon ist nicht nur belegt (zum Teil im wahrsten Sinn des Wortes), sondern auch umgeräumt, soweit es dies die mit Federn am Boden verankerten Sessel zulassen. Mein kurzzeitiger Groll verfliegt dann aber schnell. Schließlich ist ein Postdampfer in erster Linie ein alltägliches Verkehrsmittel für die einheimische Bevölkerung. Angela, die ich jetzt hier vermutet habe, hat sich wohl auch ein ruhigeres Eck gesucht. Ich ziehe mich vorübergehend in die Kajüte zurück Hier unten habe ich allerdings schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Zum Beispiel einen spektakulären Sonnenuntergang. Zudem kommen wir bald nach Stamsund. Wieder ein Ort, mit dem ich Erinnerungen aus vergangenen Urlauben verbinde.

Stamsund kenne ich bislang nur aus der „hellen“ Jahreszeit. Heute, kurz vor 19.00 Uhr, ist es schon vollkommen dunkel.. Noch vor knapp einer viertel Stunde schien die Sonne in einem herrlichen rosa Farbton, extrem tief über dem Wasserspiegel stehend.

Hier am Kai von Stamsund beobachtete ich letztes Jahr das Kommen und Gehen der gesamten Hurtig-Flotte. Hier am Kai von Stamsund reifte der Wunsch, einmal eine Postschiffreise entlang der gesamten norwegischen Küste zu erleben. Hier am Kai von Stamsund entschied ich mich dafür, auf einem der alten Postdampfer mit dem besonderen Flair zu fahren. Hier am Kai von Stamsund...

Jetzt stehe ich an der Reling der >Kong Olav<, als Passagier. So also fühlt man sich, wenn ein kleiner Traum in Erfüllung geht!

Der Wind pfeift eiskalt über die Hafenmole. Eine Runde um den Lagerschuppen ist für mich Pflicht. Ein Stück die Straße runter bis zur Kreuzung, mehr Zeit bleibt kaum. Von außen blicke ich in den Speisesaal des Schiffes und sehe die drangvolle Enge im Sommer letzten Jahres vor mir. Heute werde ich mir dort in aller Ruhe während des Auslaufens das Abendessen schmecken lassen. Es gibt übrigens Blumenkohlsuppe, danach gebratenen Lachs mit einer köstlichen Apfelsinensoße!

Mit dem nächsten Hafen Svolvær verbinde ich ähnliche, wenn auch nicht ganz so intensive Urlaubserinnerungen wie mit Stamsund. Eigentlich wollte ich die Liegezeit von knapp einer Stunde zu einem Rundgang nutzen, aber der lausig kalte Wind bewegt mich schon am Narvisen-Kiosk zur Umkehr.

Mir steht vielmehr der Sinn nach einem Bier in der Cafeteria des Schiffes. Dabei komme ich mit der blonden „Service-Maid“, die in Bodø an Bord kam (sie heißt Heidegunn), ins Gespräch. Verdammt, ich muß unbedingt mehr norwegisch lernen.

Dienstag, 26. September 1995 - 5.Tag

Der Tag beginnt mit einem Fehler. Ich steht auf. Nein, nicht das Aufstehen als solches ist der Fehler, sondern der Zeitpunkt. Zu spät nämlich.

Seit 5.30 Uhr liegen wir im Hafen von Harstad. Als ich mich rege legen wir schon ab. Kurz zuvor ist planmäßig die südgehende >Lofoten< eingetroffen. Gerne hätte ich ein gemeinsames Foto der beiden alten Schiffe gemacht. Dabei habe ich gestern intensiv den Fahrplan studiert, dann aber vergessen, den Wecker zu stellen.

Das Wetter bessert sich heute zunehmend. Von einigen wenigen Regentropfen am Morgen bis zu - ich nehme es vorweg - klarem Sternenhimmel in der Nacht.

Die Landschaft der norwegischen Küste zwischen Harstad und Tromsø hingegen verändert sich optisch wenig, beileibe ohne langweilig zu sein. Alleine Licht und Wolken bieten immer neue Bilder. Die Kulissen wechseln, weniger in der Farbe (heute eher grau) als in Form und Format. Die Berge entlang unserer Strecke sind alle gleichmäßig ab einer Höhe von etwa 300 Metern mit Schnee bestäubt. Die Konturen der Felsen sind noch deutlich zu erkennen. Die darunter liegenden Teile der Hänge sind herbstlich gefärbt.

Die Sonne müht sich zunächst vergeblich die Wolkendecke zu durchdringen und legt damit ein eigenartiges Licht über die Landschaft. Diese Stimmung erhält noch einen zusätzlichen Akzent, wenn hier und dar doch eine Lücke in den Wolken spotartig einen Sonnenstrahl durchlässt.

Finnsnes ist der nächste Hafen der Reise. Eine lebhafte Kleinstadt mit zahlreichen Geschäften entlang der Hauptstraße. An deren Ende liegt eine kleine Parkanlage mit einem Weiher voller Enten. Der örtliche Markt besteht heute nur aus zwei Ständen, die zudem das gleiche Angebot offerieren: „Tyttebær“ (Johannisbeeren) für 12,- nkr/Kilo.

Auf der Weiterfahrt nahe der Küste scheint es mir so, als wenn die bunten Holzhäuser am Ufer die Sonnenstrahlen der, auch zur Mittagsstunde sehr tiefstehenden Sonne geradezu aufsaugen. Zum Mittagessen gebe ich meinen Platz auf dem oberen Deck vorübergehend auf. Der abschließende Kaffee erscheint heute besonders heiß, denn das Gefühl, etwas von der großartigen Landschaft draußen zu verpassen ist zu groß.

Dann taucht Tromsø auf. Nach einer Linkskurve um eine flache Felsnase herum leuchtet das weiße Dach der Eismeer-Kathedrale schon von Weitem. Daneben spannt sich der Bogen der charakteristischen Brücke. Schon wenige Minuten nach dem Anlegen ist der Dampfer leer. Auch die Besatzungsmitglieder, sofern dienstfrei, machen sich auf zum Einkaufsbummel oder einem Verwandtenbesuch.

Zunächst schlendere ich etwas ziellos durch die Stadt. In den Geschäften gibt es viel zu sehen. Ein Schaufensterbummel macht mir am meisten Spaß, wenn ich eigentlich gar nichts kaufen will (so wie heute). Aber der Spaziergang über die hohe Brücke hat seinen besonderen Reiz. Von hier oben hat man nicht nur einen schönen Blick auf die Stadt Tromsø auf der einen und die Eismeerkathedrale auf der anderen Seite. Hier oben, gut 100 Meter über dem Meer bietet sich auch ein besonderer Blick auf die >Kong Olav< unten vor dem flachen Schuppen. In einem Pub erhole ich mich anschließend von den Strapazen der Brückenwanderung bei einem (oder zwei?) Glas Mack-Øl. Schließlich ist Mack, die „nördlichste Brauerei der Welt“, hier in Tromsø ansässig. Dies muss ja entsprechend gewürdigt werden. So sind es wohl doch eher zwei Glas Øl. Ambiente und Publikum erinnern an eine Bockenheimer Studentenkneipe [gibt es solche eigentlich noch?].

Der Fahrplan bestimmt den Rhythmus einer Postschiffreise. Zum Zeitpunkt der Abfahrt um 18.30 Uhr ist es bereits dunkel. Umso beeindruckender ist das Lichtermeer der Stadt links und rechts des Wassers. Auf einem Hang oberhalb der Stadt wird auf einer beleuchteten Piste bereits Ski gefahren.

Nach dem Abendessen gehe ich nochmals an Deck. Ich erwarte die baldige Begegnung mit der >Kong Harald< (mittlerweile habe ich mir den Fahrplan der Hurtigrute eingeprägt). Diese Idee beschert mir unverhofft den Erlebnishöhepunkt der Reise: Das Nordlicht!

Schon mehrfach habe ich Berichte von Augenzeugen gelesen, die dieses Phänomen beschrieben. Eine genaue Vorstellung davon konnte ich mir aber bislang nicht machen, jede Schilderung war anders. Das Nordlicht kommt wohl, je nach Wetterlage, in verschiedenen Formen und Farben vor.

Heute ist es sternenklar. Über dem nördlichen Horizont entdecke ich am ansonsten dunklen Himmel einen hellen Wolkenschleier, der von unten angestrahlt scheint. Nein, dass kann so nicht sein, denn außer unserem Schiff und einigen Singalbojen gibt es hier auf dem Meer keine Lichtquellen.

Rasch wird der kleine Schleier zu einem hellen Lichtbogen, der sich über den ganzen Himmel spannt, um auf der anderen Seite hinter dem Horizont zu enden.. Das hellgrüne Licht erleuchtet das Deck der >Kong Olav<, die scheinbar unbeeindruckt weiter gen Norden tuckert. Auf der Brücke nur Routine.

Der Vergleich mit einem Regenbogen drängt sich mir auf. Obwohl es Nacht und das Licht nur einfarbig ist . Ständig ist Bewegung am Nachthimmel. Immer wieder ändert sich die Struktur, es wird dunkler und strahlt gleich wieder fast taghell. Aus dem leuchtenden Bogen schießen plötzlich Lichtkaskaden, einem Wasserfall ähnlich, herab, tanzen einen lautlosen Walzer, um sich gleich darauf im Nichts aufzulösen.

Nach diesem Höhepunkt schiebt sich der Bogen langsam zusammen, wird dunkler und ist alsbald nur noch ein heller Schimmer am Horizont.

Erstaunt, fasziniert, ja verzaubert. So erlebt man dieses Naturschauspiel nachts auf dem dunklen Meer. Ich bin so überwältigt, dass ich gar nicht daran denke, den einsatzbereiten Fotoapparat ins Spiel zu bringen.

Ach ja, die >Kong Harald< hätte ich beinahe vergessen. Rasch kommen die grün/weiß/roten Positionslichter näher. Mit einem dreifachen Lichtsignal grüßen sich die beiden Schiffe. Drüben ist alles hell erleuchtet und zahlreiche Blitzlichter zeugen von lebhaftem Interesse der Fahrgäste an der nächtlichen Begegnung. Hier an Bord registriere ich, abgesehen von der Brückenwache, wohl als einziger das Treffen.

Mittwoch, 27. September 1995 - 6.Tag

Irgendwie bringt es der Fahrplan so mit sich, dass wir morgens oft in einem Hafen liegen. Heute ist es Hammerfest. Vor dem Ablegen, das zeitlich etwa mit dem Frühstück zusammen fällt, bleibt noch Zeit für einen kurzen Spaziergang. Die Stadt wirkt noch sehr verschlafen. Kaum Passanten auf der Straße. Der Busfahrer blättert vor der ersten Tour noch schnell durch die VG (das ist die örtliche Bild-Zeitung), die Müllabfuhr ist auch hier schon zu früher Stunde aktiv.

Beim Frühstück erzählen meine holländischen Tischnachbarn begeisternd vom Nordlicht, das sie gestern Abend gesehen haben - aus dem Fenster der Kabine. Von einem weiten Bogen, oder gar sich bewegendem Lichtschein aber hören sie jetzt mit staunenden Gesichtern. Dabei halte ich mich mit meiner Schilderung schon zurück, um nicht noch mehr Neid bei ihnen zu wecken.

Die Landschaft unserer heutigen Etappe erscheint sehr einförmig und wenig imposant. Vielleicht spielt das Wetter bei dieser Bewertung eine Rolle. Heute ist alles meist grau in grau, oft Nieselregen, kaum Sonne. Die zahlreichen Inseln rechts und links unserer Route sind meist nur nackte, von Wind und Wetter rundgeschliffene Felsen und kaum 200 Meter hoch. Kein Baum und kein Strauch ist zu sehen. Nur grün/gelbes Moos lockert manchmal die Eintönigkeit auf. Selbst dem Steuermann ist es zu langweilig, lieber wirft er bei geradem Kurs einen Blick in die Zeitung.

Stichwort Zeitung: Dass in Norwegen jeder Einwohner am Tag mehr als eine Zeitung liest ist mir ja bekannt (Statistiken lügen nicht). An Bord gibt es täglich zwei überregionale Gazetten. Trotzdem rennt die halbe Besatzung in fast jedem Hafen zum nächsten Kiosk um an weitere Informationen zu kommen. Dort gibt es denn auch im kleinsten Ort reichlich Auswahl. Neben zwei allgegenwärtigen Boulevardblättern liegen ein bis zwei „seriöse“ Zeitungen bereit, dazu mindestens ein Lokalanzeiger.

Kurz vor unserem nächsten Zielhafen Havøysund treffen wir die >Ragnvald Jarl<. Ebenfalls ein Schiff aus der alten Garde. Leider sind ihre Tage auf der Hurtigrute bald gezählt, denn im nächsten Frühling wird auch sie durch einen modernen Nachfolger ersetzt. Schon aus optischen Gründen ein herber Verlust. Der kleine schwarz-weiße Dampfer macht vor dieser schroffen Felsküste einen prächtigen Eindruck.

Havøysund versteckt sich vor uns, die wir von der Seeseite her kommen, zwischen hohen Bergen und zahlreichen Inselchen. Ein rostiger Leuchtturm weist den Weg in eine enge Bucht. Neben dem Lagerschuppen am Anleger stehen gerade mal so um die 25 bunte Holzhäuser auf dem schmalen Uferstreifen. Sicher gehören zu dem Ort noch mehr Gebäude, die ich von Bord aus aber nicht sehen kann. Den Stellenwert der Hurtigrute für die hiesige Bevölkerung verdeutlicht ein Blick auf die Landkarte. 85 Kilometer lang ist die einzige Straße zu diesem Küstenort. Dann trifft man auf die Hauptstraße. Zu den nächsten Städten Lakselv oder Alta sind es gar 150 bzw. 200 Kilometer.

Die planmäßige Liegezeit hier in Havøysund wird weit überzogen. Offenbar erhält der örtliche Supermarkt heute seine komplette Wochenration. Von Colakästen, Schweinehälften, Hundefutter und Toilettenpapier bis hin zu frischem Obst und Gemüse reicht die Palette der Waren, die entladen werden. Dazu Autoreifen, Dachpappe und eine Waschmaschine. Und zu guter Letzt ein neues Fischernetz.

Beim Betrachten der kargen Felsen die hier seit Urzeiten Wind und Wetter ausgesetzt sind, ist kaum zu verstehen, dass es irgendwo auf der Welt Zivilisation mit Hektik, Stress und Lärm gibt. Schon vor Hunderten vor Jahren sah die Küste hier so aus wie heute, während sich die Welt “draußen“ veränderte - wohl nicht immer zu ihrem Vorteil.

Ein Ausflug von Honingsvåg, unserer nächsten Station zum Nordkapp wird organisiert. Nein, nicht von einer Reiseleitung oder der Reederei. Jetzt, Ende September, müssen das die Gäste schon selbst in die Hand nehmen (zumindest auf den kleinen Schiffen). Der Zahlmeister ist aber gerne bereit, per Telefon einen Kleinbus für die acht Ausflügler zu organisieren und die Küche bringt das Essen eine halbe Stunde früher auf den Tisch.

Ich fahre nicht mit. Schon zweimal war ich oben am Nordkapp. Damals, als es die neue Nordkapphalle mit ihrem “Panoramablick“ aus dem Innern des Felsens noch nicht gab. Diese Erinnerungen will ich mir noch bewahren.

Lieber besuche ich zusammen mit Mutter und Tochter aus Iserlohn das kleine Nordkappmuset von Honingsvåg. Das einfache Leben der Küstenfischer von früher wird informativ dargestellt. Daneben ist auch hier die deutsche Besatzung während des Krieges und die folgende sinnlose Zerstörung ein Thema. Wen wundert´s?

Bei der Abfahrt aus Honingsvåg ist das Schiff wieder angenehm leer. Neben uns elf Stammgästen sind wohl nur noch rund 10 weitere Passagiere an Bord. Den blauen Salon habe ich für mich alleine [den Rauchern sei Dank]. Vor zwei oder drei Tagen erzählte mir der „Doc“, daß er den blauen Salon auch sehr gemütlich findet. Da seine Frau aber rauchen will, sitzen sie immer im Aufenthaltsraum eine Etage tiefer (in recht unbequemen Sesseln mit wenig Aussicht).

Um 18.00 Uhr ist es so weit im Norden schon stockdunkel. Der Lichtschein, der aus dem Inneren auf das Vordeck fällt, stört oben auf der Brücke beim Blick über das dunkle Wasser. Daher werden zu gegebener Zeit die Vorhänge zugezogen. Heute habe ich Heidegunn, die dazu eigens aus dem Speisesaal herauf kommt, die Arbeit schon abgenommen. Erfreut nimmt sie dies zur Kenntnis uns bedankt sich später mit dem größten Steak von ihrem Tablett [oder so].

Zum Abendessen sind wieder die gummierten Decken aufgelegt. Reine Vorsichtsmaßnahme, denn das leichte Schaukeln hört pünktlich mit dem Gongschlag auf, während wir in Kjøllefjord einlaufen. Der beleuchtet Lagerschuppen und einige Häuser sind zu erkennen. Auf der Weiterfahrt nach Mehamn beschreibt die Route der >Kong Olav< einen Bogen um eine ausladende Halbinsel. Dabei gelangen wir an den nördlichsten Punkt der Reise. Von nun an geht es bis Kirkenes weiter in östlicher bzw. südlicher Richtung.

Schade, dass wir diese Strecke auch auf dem Rückweg (schon morgen) nur in dunkler Nacht erleben können. Zumindest Berlevåg [warum habe ich mir den Roman nicht als Reiselektüre mitgenommen] hätte ich gerne näher kennen gelernt.

Morgen werden wir also Kirkenes und damit den Wendepunkt der Fahrt erreichen. Dann geht es zurück, ab da neigt sich der Urlaub dem Ende zu. Quatsch! Wie heißt es: „Der Weg ist das Ziel“. Dies gilt ganz besonders für eine Reise mit dem Postschiff. Wenn wir heute nacht der >Narvik< begegnen, sind wir für 24 Stunden das Hurtigschiff mit der nördlichsten Position. Die Schiffe, die uns in den ersten Tagen entgegen kamen, befinden sich längst schon wieder hinter uns. Wie an einer endlosen Perlenschnur aufgereiht, folgt ein Schiff dem anderen.

Donnerstag, 28. September 1995 - 7. Tag

Vardø steht am frühen Morgen auf dem Fahrplan. Dies ist (ein weiterer Superlativ) der östlichste Hafen der Strecke. Am Nachmittag sind wir nochmals hier. Die anderen Häfen werden täglich von jeweils zwei verschiedene Postschiffen angelaufen. Dagegen wird Vadsø, der letzte Zielhafen, ebenso wie der Wendepunkt Kirkenes nur einmal am Tag besucht.

Erneut zeigt sich des Wetter von seiner besch(eidenen) Seite. Graue Wolken liegen dicht über dem Wasser, die nahe Küste ist nur schemenhaft auszumachen. Als wir uns Vadsø nähern und ich der Ort in der kargen Landschaft liegen sehe, frage ich mich, was die Menschen bewegt, hier am Ende der Zivilisation zu leben. Gibt es außer in der Fischfabrik noch weitere Arbeitsplätze? Nordnorwegen ist nun einmal exponiert gelegen. Viele, besonders junge Leute, zieht es ja auch schon zuhauf in den Süden. Doch Orte wie Vadsø und andere hier oben sind natürlich nicht mit Bergen oder Oslo zu vergleichen. Hier treffen wir auf zwei Welten im gleichen Land.

Solche Gedanken beschäftigen mich auch noch beim Spaziergang durch Kirkenes. Ich sehe fröhliche Kinder auf der Straße und frage mich, welche Zukunft sie hier, im äußersten Winkel Europas haben. Dennoch scheinen mir die Leute weitgehend einen zufriedenen Eindruck zu machen. Vor diesem Hintergrund ist auch das „Nei“ der Norweger (insbesondere im Norden) zum EU-Beitritt zu verstehen. Wen interessiert im fernen Brüssel die Sorgen und Nöte der Bewohner der Finnmark? Die haben schon genug Probleme, sich in Oslo Gehör zu verschaffen.

Ich bin abgeschweift. Kirkenes. Der Anleger der Hurtigrute liegt weit vor der Stadt. Nur zwei große Öl- oder Benzintanks leisten der Lagerhalle der Nordcargo in der öden Umgebung Gesellschaft. Wir nutzen daher das Angebot des bereitstehenden Busses, uns für 25,- Kronen ins Zentrum (und später zurück) zu bringen. Immerhin dauert die Fahrt knapp 8 Minuten.

Fast eine Stunde Zeit. Schon nach der halben Zeit bin ich die örtliche Einkaufsmeile einschließlich der Nebenstraßen zweimal abgelaufen. So besuche ich die örtliche Sparebank und besorge mir (obwohl nicht notwendig) ein paar Norweger-Kronen. Schon früher [wann war das eigentlich?] stellte ich fest, dass Kirkenes relativ unattraktiv für Besucher ist.

Zurück an Bord überreicht mir Anne-Maria vor dem Mittagessen das „Polarsirkel-Sertifikat“. So ganz nebenbei (mit zwei Tagen Verspätung) und ohne weiteres Aufsehen. Um so mehr freue ich mich darüber. Es wird eine Erinnerung an diese Fahrt auf der >Kong Olav< sein. Ich bin jetzt zum fünften Male nördlich des Polarkreises ohne dass Aufkleber oder Sonderstempel etc.bislang ein Thema waren.

Beim Abendessen haben wir heute zweieinhalb Ausfälle. Meine holländische Tischnachbarin kam zwar, entschuldigte sich aber nach der Vorsuppe (die sie kaum angerührt hat). Dabei empfinde ich den Seegang gar nicht einmal so schlimm, zumindest fallen keine Gläser um.

Diesen Abschnitt sind wir in der vergangenen Nacht schon einmal gefahren. Da lag (fast) alles in den Betten und genoss das Schaukeln des Schiffes entlang der ungeschützten Küste. Nur die Stationen in Båtsfjord und Berlevåg bieten kurzzeitigen Schutz vor schwankenden Schiffsplanken [wo gibt es heute noch Planken?].

Berlevåg um 23.00 Uhr. Zumindest will ich einen Blick auf den Ort des Romangeschehens werfen. Viel aber gibt es nicht zusehen. Der neugebaute Anleger liegt relativ weit vom Zentrum entfernt. Außer der beleuchteten Kirche kann ich von Bord aus anhand der Lichter nicht viel einschätzen. Gerade mal drei Paletten sind zu verladen, die Gangway wird erst gar nicht angelegt. Nicht viel los in Berlevåg zu dieser späten Stunde.

Freitag, 29. September 1995 - 8.Tag

Herrliches Sonnenwetter empfängt mich am Morgen an Deck. In aller Frühe schon haben wir Honningsvåg passiert. Der nächste Hafen wird wieder Havøysund sein. Vor knapp 45 Stunden waren wir schon einmal hier. Dennoch ist es spannend, die Einfahrt in die enge Bucht zu erleben. [Links an dem Felsen dort vorne geht es vorbei - oder doch rechts? Das Leuchtfeuer passieren wir auf der Steuerbordseite. Genau. Gleich taucht hinter der zerklüfteten Felsnase der grüne Lagerschuppen am Kai auf...] Ich kenne mich doch schon aus!

Bald nach dem Ablegen steht die nächste Begegnung mit einem Hurtigdampfer an. Heute ist es die >Harald Jarl<. Wir treffen sie an der gleichen Stelle wie vorgestern das Schwesterschiff >Ragnvald Jarl<. Die Rollen sind nun allerdings [leider] getauscht. Jetzt befinden wir uns auf Südkurs. Doch für Schiff und Besatzung gibt es wohl kein hin oder zurück, für die geht es nur vorwärts. Dennoch, ein Ritual zeugt von der jeweiligen Konstellation. Es ist Usus, dass das jeweils nordgehende Schiff die Begrüßung mittels Sirene oder Scheinwerfer eröffnet.

Den restlichen Vormittag verbringe ich, in eine Decke gehüllt, im Liegestuhl auf dem Achterdeck. Langsam gleiten die Berge vor Hammerfest vorbei. Dort bietet sich die (fast) letzte Gelegenheit zum Einkaufen. Tromsø und Bodø erreichen wir auf der Rückfahrt jeweils in der Nacht und in Trondheim legt das Schiff schon um 10.00 Uhr wieder ab.

Fast unbemerkt hat sich während unseres Aufenthaltes eine dunkle Wolke über der Stadt zusammengezogen. Ein heftiger Schneeschauer begleitet mich zurück an Bord. Das grün gestrichene Deck ist vorübergehend weiß gefärbt. Noch vor knapp 20 Minuten wunderte ich mich über einige spikesbereifte Autos auf den Straßen von Hammerfest. Der Winter ist offensichtlich nicht mehr weit.

Der kurze Schneefall bildet den Auftakt zu einem spektakulären Wetternachmittag. Schon bei der Abfahrt ist alles grau und düster. In der Ferne aber scheint über dem Meer die Sonne. Bald wieder blauer Himmel auch über uns, garniert von dunklen Wolkengebilden. Die Lichtverhältnisse ändern sich von Minute zu Minute. Ich sitze im blauen Salon und blinzele in die tiefstehende Sonne, während gleichzeitig der Regen heftig gegen die Scheiben prasselt.

Der Höhepunkt dieses Wetterschauspieles folgt bald darauf. Die schneebedeckten und wild zerklüfteten Berge der Insel Seiland an Backbord liegen in vollem Sonnenlicht. Dagegen ist auf der Steuerbordseite nichts, aber auch gar nichts zu sehen. Eine schwarz-graue Gewitterwand bedeckt den Himmel bis hinunter auf die Wasseroberfläche.

Es ist bald Zeit zum Abendessen. Dann werden wir uns alle wieder im Speisesaal einfinden. Dort regiert Anne-Marie in ihrer liebenswert-herben Art. Sie ist die Chefin über Service und Buffet. Selbst der Kapitän erkennt dies an. Als er vor ein paar Tagen die sparsame Beleuchtung monierte, endete der kurze Dialog mit einem bestimmten „Nei“ und keiner weiteren Lampe (schließlich waren nur wenige Tische besetzt). Anfangs kam mir Anne-Marie etwas spröde vor (geschätztes Alter: Ende 50), aber der Kontakt wurde zunehmend herzlicher. Zunächst sprach sie nur englisch, jetzt begrüßt sie uns mit einem freundlichen „Guten Morgen“ und bei meinen „takk for maten“ schmunzelt sie sogar.

Zur Servicecrew gehören noch Hege und Heidegunn, die seit gestern an Bord ist. Beide Mädels betreuen abwechselnd bis spät in die Nacht die Cafeteria. Daneben fungieren sie auch als „Zimmermädchen“ in den Kabinen. Ansonsten saust noch eine Putzfrau mit dem Staubsauger durch die Räumlichkeiten.

Vor der Reise las ich, dass die Besatzung jeweils 22 Tage Dienst an Bord hat und während dieser Zeit die Reise zweimal mitmacht, um danach 22 Tage frei zu haben. Dabei dachte ich, dass die Crew jeweils komplett in Bergen wechselt. Dies ist aber nicht der Fall. Beispielsweise war bis Trondheim ein anderer Kapitän an Bord und auch der jetzige Maschinenchef kam erst unterwegs hinzu. Insgesamt sind 10 Offiziere an Bord, zusammen mit dem Küchenpersonal, den Matrosen und Ladearbeitern sind es rund 30 Besatzungsmitglieder (im Sommer wohl mehr). Die Mannschaft hat einen eigenen Aufenthalts und Speiseraum, während die Offiziere mit uns Gästen essen.

Zurück zur Hurtigrute: Kurz vor dem Dunkelwerden kommen wir nach Skervøy. Ein kurzer Stop im Schneeregen und schon geht es weiter. Heute Abend lohnt es sich nicht auf das Gegenschiff, es ist die >Midnatsol<, zu warten. Das Nordlicht (in diesem Gebiet war es auf der Hinfahrt) versteckt sich hinter Wolken. Regenschauer und kühler Wind treiben mich früh ins Bett.

Samstag, 30. September 1995 - 9.Tag

Türenschlagen, laute Rufe und dumpfe Schritte auf dem Gang wecken mich. Kein Motorengeräusch. Was ist passiert? Es ist kurz nach 1.00 Uhr. Leicht irritiert ziehe ich mir etwas über und gehe an Deck.

Wir liegen am Kai in Tromsø. Friedlich liegt die Stadt im Dunklen. Die üblichen Ladearbeiten sind im Gange. Aber an Bord herrscht eine ungewohnte Betriebsamkeit. Gut 100 Personen sind zugestiegen. Wohl eine Reisegruppe die nun hin und her rennend Gepäckstücke durch die Gänge zerrt und die Kabinen sucht.

Am Frühstücksbuffet herrscht dann auch ein entsprechendes Durcheinander. So stelle ich mir den Trubel in der Sommersaison vor. Nein danke!

Zum Glück haben wir unsere reservierten Tische. Dort erzählt mir der Holländer (auch er wurde von dem Trubel aufgeweckt) von Problemen, die die >Kong Olav< noch in Tromsø hatte, als der Hauptmotor erst nach fünf Versuchen ansprang. Davon habe ich nichts mitbekommen, aber die einstündige Verspätung scheint darin begründet.

So kommen wir auch nicht pünktlich nach Harstad. Dort im Hafen steht täglich ein Familientreffen der Hurtigschiffe an (auf der Hinfahrt verpasste ich die >Lofoten<). Aber schon eine halbe Stunde vor Harstad rauscht die >Nordlys< auf offener See an uns vorbei. Das übliche Grußsignal kommt mir jetzt so vor, als wolle sie sagen: „Seht her, ich bin pünktlich“. Wie zum Hohn  stehen drüben Passagiere an Deck und winken mit weißen Bettüchern. Wir erinnern uns: Die „Museumsbesich-tigung“ damals in Rørvik, das waren auch die von der >Nordlys<. Jetzt sind zwar andere Reisende an Bord, aber irgendwie ist mir der Kahn nicht sonderlich sympathisch.

Und das mit der Verspätung bekommen wir dann auch wieder in den Griff. Das wäre doch gelacht. Nur kurze Stops in Risøyhamn und Sortland, unterwegs ein Brikett mehr aufgelegt und schon ist wieder alles im Lot. In Stockmarknes legen wir schon wieder pünktlich auf die Minute ab. Schon beim Frühstück herrschte bei den Offizieren eine besondere „Jetzt-erst-recht“-Stimmung. Offenbar auch eine Frage der Ehre.

Das Wetter spielt am heutigen Tage einmal mehr eine tragende Rolle in diesem Schauspiel mit dem Namen „Die schönste Seereise der Welt“. Heute steht eine heitere Episode auf dem Programm. Meist Sonnenschein. Die paar Wolken können nicht stören, im Gegenteil. Durch sie ergibt sich wieder das eindrucksvolle Licht- und Schattenspiel.. Wildzerklüftete und schneebedeckte Berge, die direkt aus dem Wasser hervor ragen, bilden die Kulisse. Das Schiff gleitet durch eine Hochgebirgslandschaft.

Es ist kalt. Natürlich bin ich an Deck. Der Landschaft wegen und um dem Trubel unten zu entgehen. Gerade habe ich mich für die verbleibende Zeit bis zum Mittagessen mit einem zusätzlichen Pullover gerüstet, da ertönt der Gong, der uns zu Tisch ruft. Wieso jetzt, rund 45 Minuten vor der Zeit? Fragende Gesichter auch bei meinen Mitreisenden. Chaos pur. In Zweierreihe wird um Schnitzel und Pudding gekämpft. Wir halten uns zurück, besorgen erst mal eine Karaffe Wasser und beobachten das Gedränge. Es wird schon etwas übrig bleiben. Schließlich sind auch die Offiziere noch nicht da und die werden wohl auch nicht zu kurz kommen. Wo ist Anne-Marie?

Jedenfalls erreichen wir Stockmarknes gut gesättigt (und pünktlich - s.o.). Rosen, sogar noch Stiefmütterchen (ver)blühen auf den Beeten entlang der Hauptstraße. Gleichzeitig ist schon der nahe Winter zu spüren.

An der Mole in Stockmarknes, direkt neben dem Anleger der Hurtigrute dümpelt die >Finnmarken<. ein altgedienter Postdampfer vor sich hin. Ein recht trauriger Anblick. Deutliche Rostspuren am Rumpf vermitteln einen etwas herunter gekommenen Eindruck. Die algenbewachsenen Taue zeugen davon, dass das Schiff schon eine geraume Zeit hier liegt. Doch nicht nur die schlaff herabhängenden Taue wurden zum Festmachen verwandt, vielmehr ist das Schiff regelrecht in Ketten gelegt. Mehrere schwere Eisenketten ringsherum erwecken den Eindruck, als sei hier ein Schwerverbrecher dingfest gemacht worden. Oder soll damit verhindert werden, daß die >Finnmarken< sich nochmals in den Linienverkehr einreiht und so, wie sie es Jahrzehnte hindurch gewohnt war, tagein und tagaus die Küste entlang fährt.

Qualvoll muss es diesem Veteranen erscheinen, jeden Tag mitzuerleben, wie die neuen und modernen Schiffe kommen und gehen. Und für die noch in Dienst stehenden traditionellen Dampfer mag es dagegen ein bitterer Vorgeschmack auf die eigene ungewisse Zukunft sein. Aber noch wird „meine“ >Kong Olav< gebraucht. Schluss jetzt mit den Sentimentalitäten!

Der vermeintliche Höhepunkt der Reise [schon wieder einer] steht unmittelbar bevor. Die Durchfahrt durch den engen Raftsund. Dazu könnte das Wetter gar nicht besser sein, nur etwas kühl ist es. Aber es gibt ja warme Kleidung.

Wir fahren direkt auf eine bizarre Felswand zu, die sich halbkreisförmig vor dem Bug aufbaut. Die zerklüfteten und teilweise schneebedeckten Berge kommen langsam näher. Irgendwo dort vorne soll es eine Durchfahrt geben?

Jetzt finden sich viele der Mitreisenden, die sonst meist auf dem (Sonnen-)Deck in Decken gehüllt sitzen, auf dem oberen Deck ein. Der erste Offizier, sonst meist mürrisch dreinschauend, erwacht. Unter einem ungewohnten Redeschwall öffnet er die Brücke rechts und links vom Steuerhaus. So haben wir einen ungehinderten Blick nach vorne.

Gerade die Einfahrt in den Raftsund von Norden her ist sehenswert. Zunächst müssen noch einige Felsen umschifft werden, bevor sich fjordartig steile Felswände auftun und eine schmale Wasserstraße freigeben. Durch diesen engen Schlund fließt das Wasser in einer ungeheuren Strömung. Die Wirbel sind auf der Wasseroberfläche deutlich zu sehen. All dies erfordert die volle Konzentration der Männer auf der Brücke, die das Radar und den Sund fest im Blick haben. Erstmals sehe ich einen Rudergänger an dem riesigen Steuerrad (sonst wird mit einer Art Joystick gefahren).

Die Gipfel der steilen Berge, an denen wir im Abstand von manchmal nur 20 Metern vorbei gleiten sind von hier unten kaum zu sehen. An anderen Stellen werden die Ufer etwas flacher und sogar Häuser stehen hier, deren Zugang vermutlich nur übers Wasser führt.

Nachdem sich der Raftsund wieder geöffnet und unser Schiff freigegeben hat, folgt das nächste optische Highlight. Das Gewässer vor Svolvær ist durchsetzt mit hunderten kleiner Inselchen, die das, in der untergehenden Sonne bronzefarbene Meer garnieren. Die Stimmung ist einfach nicht zu beschreiben...

Der Speiseraum ist heute Abend gut belegt. Zwei größere Gruppen sind noch anwesend. Die eine ist relativ laut und lustig, während die andere mit Schlips und Kragen einen etwas fremden Eindruck in dieser Umgebung macht. Den Offizieren wird heute gesondert serviert, die zwangsläufig entstehenden Wartezeiten zwischen den Gängen will man ihnen nicht zumuten. Auch für uns Stammgäste ist der Ablauf ungewohnt, es wird nicht wie üblich nachgelegt. Hege hat die Sache trotz aller Hektik bestens im Griff.

Die Begegnung mit dem Schwesterschiff >Nordnorge< habe ich bei dem Trubel dann auch verpasst. Aber zur Einfahrt in den Hafen von Stamsund stehe ich natürlich wieder an Deck. [Ehrensache, schließlich bin ich mit dem Kai seit letztem Jahr per „Du“]. Etliche Rucksackreisende kommen zur Überfahrt auf das Festland an Bord. Auch der blaue Salon ist wieder weitgehend belegt.

Dennoch finde ich eine ruhige Ecke. Zur Feier des schönen Tages gönne mir hier ein Glas Mack-Øl.  Ein Glas Bier aus der nördlichsten Brauerei der hat man schließlich nicht zu jedem Geburtstag.

Sonntag, 01. Oktober 1995 - 10.Tag

Früher als gewohnt will ich heute aufstehen, in der Hoffnung auf einen schönen Sonnenaufgang. Der Wecker klingelt, das Schiff schaukelt sanft auf den Wellen und die Koje ist so schön kuschelig warm. Außerdem ist heute Sonntag. Da fällt es mir nicht schwer, die Uhr noch ein Stück weiter zu drehen.

So verpasse ich die Ankunft in Ørnes am frühen Morgen. Die nordgehende >Vesterålen< sehen wir kurz vor dem Frühstück. Das verläuft im übrigen wieder in gewohnt kleinem Kreis. Die meisten Fahrgäste sind heute Nacht in Bodø ausgestiegen. Zuvor haben einige wohl noch etwas ge(feiert?). Ein zerbrochenes Glas und verstreute Erdnüsse im Kabinengang sind jedenfalls nicht normal. Zudem fehlt neuerdings der Vorhang in der Dusche.

Prächtiges Wetter, Sonnenschein pur und ein schönes Küstenpanorama. Zwischen Ørnes und Nesna sind vom Schiff aus die Ausläufer des Svartisen zu sehen. Das viele Weiß der Gebirgslandschaft vermag ich aber nicht eindeutig dem Gletscher zuzuordnen. Bald darauf überqueren wir den Polarkreis in südlicher Richtung. Er wird an dieser Stelle durch einen Globus (ähnlich dem vom Norkapp, nur kleiner) auf einem Felsen neben der Fahrrinne symbolisiert. Allen, die nicht an Deck sind wird das Ereignis durch ein lang anhaltendes Tuten der >Kong Olav< signalisiert. Ich stehe nahe dem Horn und bin zudem nicht darauf gefasst - Schreck lass nach!

Die nächste Anlegestelle ist die Mole in Nesna. Hier geht alles sehr schnell. Genau fünf Paletten, die schon auf dem Ladedeck bereitstanden werden ausgeladen. Bereits nach fünf Minuten legen wir wieder ab. Ein kurzes Schauspiel für die zahlreichen Leute am Kai. Aber ein fester Bestandteil des sonntäglichen Spazierganges, zumal das nordgehende Schiff immer in der Nacht hier Station macht.

Viel mehr Zeit gönnt uns dagegen der Fahrplan in Sandnessjøen. Volle 90 Minuten dauert der Stop. Zeit genug, die Kleinstadt näher in Augenschein zu nehmen. Außerdem ist es seit längerem wieder mal eine Gelegenheit, sich auf festem Boden die Füße zu vertreten. Auf der Hauptstraße mit ihren vielen Geschäften herrscht heute Sonntagsruhe. Nur ein paar spielende Kinder und die wenigen Fahrgäste der Hurtigrute scheinen den Ort zu bevölkern. Einen Eindruck von der Wohnqualität bekommt man zwei Straßenecken weiter. Holzhäuser, gestrichen in sanften Pastellfarben stehen inmitten gepflegter Gärten. Nur wenige Grundstücke sind mit einem niedrigen Zaun oder einer Hecke eingefasst. Die für diese Jahreszeit noch recht üppige Blumenpracht erstaunt. Hier verstreutes Kinderspielzeug, da ein dösender Hund garnieren die grünen Rasenflächen. Diese Idylle setzt sich auch bei der Rückkehr zum Schiff fort. Die Ladearbeiten sind längst beendet, leise plätschernd dümpelt die >Kong Olav< am Kai.

Das Mittagessen wird heute für einen kurzen Fototermin unterbrochen. Sieben Schwestern stehen draußen in voller Schönheit Spalier. Nach der norwegischen Volkssage werden Trolle zu Stein, wenn sie sich nicht vor Sonnenaufgang wieder verstecken. Sehen die sieben Berggipfel nicht tatsächlich aus wie zu Stein gewordene Menschen? In dieser rauhen, manchmal gar unwirtlich anmutenden Landschaft sind solche Gedanken gar nicht so abwegig. Jedenfalls ist zu begreifen, wie all die Sagen und Geschichten von Trollen und Göttern der nordischen Mythologie zustande kamen.

Auch Brønnøysund, die nächste Station liegt in sonntäglicher Ruhe. Ein Gang um das Hafenbecken beschert mal einen anderen Blick auf die >Kong Olav<, quasi von der Seeseite aus. Die heutige Tagesstrecke haben wir auf Nordroute in der Nacht zurückgelegt. Jetzt können wir bei schönem Wetter das Versäumte nachholen.

Bald nach dem Ablegen begegnen wir nochmals einem Relikt aus der Welt der Sagen: der Torghatten. Dieser Felsen hat in der Mitte ein großes Loch und da er in der Form an einen Hut erinnert, liegt die Erklärung nah. Das Loch stammt von einem Pfeil, der den Hut eines Trollkönigs durchbohrte.

Leider ist während der Vorbeifahrt von unserer Position aus das Loch nur kurz und unvollkommen zu sehen. So konzentriere ich mich mit der Kamera schon auf den wolkengarnierten Sonnenuntergang. Dann aber weist mich der Steuermann nochmals ausdrücklich auf das Naturphänomen des Felsens hin. Ich habe gar nicht bemerkt, dass das Schiff eine Schleife gefahren ist und wir jetzt einen fast ungehinderten Blick durch das Felsloch haben. Dieser kleine Abstecher gehört ganz sicher nicht zum Fahrplan der Hurtigrute. Im Sommer, wenn viele Touristen an Bord sind, wird er wohl schon einmal gemacht, aber bei uns wenigen Leutchen habe ich nicht damit gerechnet. Takk.

Ich bin jetzt etwa bei Film Nr. 13 oder 14 angelangt. Eigentlich hatte ich mit mehr Fotomöglichkeiten gerechnet. Allerdings habe ich die frühe Dunkelheit nicht bedacht. Vieles muß ich auch deshalb wohl aussortieren. Und manches versuche ich erst gar nicht zu fotografieren. So wie auf der Weiterfahrt die romantische Abendstimmung mit den letzten Sonnenstrahlen, während schon der Mond am Himmel leuchtet.

In Rørvik steht am Abend das nächste Rendezvous mit einem Hurtigdampfer auf dem Fahrplan. Das südgehende Schiff (also heute wir) kommt früher an, fährt dafür aber später ab. So können wir in aller Ruhe das Anlegen der >Lofoten< beobachten, die langsam aus dem Dunkel in den Lichtschein des Hafen gleitet.

Ich nutze die Gelegenheit um mich eine Viertelstunde an Bord der >Lofoten<, übrigens das letzte Schiff der Reederei FFS aus Hammerfest, umzusehen. Die Aufteilung der Räumlichkeiten entspricht in etwa dem von der >Kong Olav< her bekannten Grundriss. Das Treppenhaus sieht mit dem messingbeschlagenen Geländer und dem Parkettfußboden sehr feudal aus. Es gibt hier auch einen „blauen Salon“. Doch ist der weder blau, noch Salon zu nennen. Die Möbel können sich sicher noch an die Jungfernfahrt des Schiffes erinnern. Nun ja, als Wartesaal gewertet, ist es hier sehr heimelig. Schon das Fehlen der Gardinen (statt dessen gibt es Rollos) ist ein Minus für die Gemütlichkeit. Der Speisesaal wirkt unaufgeräumt und die Stühle scheinen eher unbequem. Und dann das Deck: blau (!) gestrichen. Ein richtiges Hurtig-Dampfschiff-Deck ist doch grün - oder?

Nun, ich will nicht lästern. Aber im direkten Vergleich schneidet die >Kong Olav< deutlich besser ab. [Bin ich objektiv?]. Trotzdem würde ich viel lieber auf der >Lofoten< oder einem der anderen alten Schiffe fahren, als auf einem aus der neuen Baureihe.

Nach der Abfahrt der >Lofoten< mache ich noch einen kurzen Bummel durch Rørvik. Der Ort macht trotz der Dunkelheit einen sympathischen Eindruck. Viele der überwiegend weiß gestrichenen Holzhäuser sind mit (für diese Jahreszeit) üppigem Blumenschmuck versehen. Das Nachtleben wird geprägt durch ein Café auf der Hauptstraße, das heute Abend Treffpunkt der örtlichen Jugend ist.

Montag, 02. Oktober 1995 - 11.Tag

Das frühe Aufstehen lohnt sich. Ein leuchtendes Morgenrot liegt über dem Trondheimfjord. Mit gedrosselter Maschine gleiten wir langsam im Kielwasser der vorausfahrenden >Kong Harald<. dahin.

Eigentlich müßte diese schon vor einer halben Stunde in Trondheim festgemacht haben, aber auch moderne Schiffe haben offenbar gelegentlich Verspätung. Nun, mir kann es recht sein, denn es ist spannend zu verfolgen wie die Crew der >Kong Harald< das riesige Schiff auf der Stelle wendet und behutsam rückwärts an die Pier manövriert. Wir legen kurz darauf direkt vor dem Bug des aktuellen Königs-Schiffes an. Wieder werden die enormen Größenunterschiede deutlich.

Noch vor dem Frühstück gehen wir zu fünft an Bord der >Kong Harald<, die erst vor zwei Jahren in Stralsund gebaut wurde (wie ein Messingschild unterhalb der Brücke verrät) und damit eines der modernsten Schiffe der Flotte ist. Anstelle der schmalen Alu-Gangway gibt es hier eine große, vollautomatisch ausfahrbare Klappe mit integrierter Treppe. Darüber ersetzt ein Lichtband mit der aktuellen Abfahrtszeit unsere altehrwürdige Schiefertafel. Zusätzlich ist diese Information von mehreren Monitoren, verteilt auf dem ganzen Schiff abzulesen. Wir kommen zunächst in eine große Halle, die jedem guten Hotel prima zu Gesicht stehen würde. Hinter dem computerbestückten Tresen sind drei uniformierte Angestellte offenbar schwer beschäftigt. Was ist dagegen die kleine Luke mit dem Schiebefenster auf der >Kong Olav<, hinter der der Zahlmeister schon mal die Füße hochlegen kann.

Zwei Aufzüge und eine breite Treppe führen in die anderen Etagen. Dicke Teppiche dämpfen jeden Schritt, dafür durchflutet leise Musik die Gänge. Große Bilder und andere Kunstwerke zieren die Räumlichkeiten, deren vergleichsweise riesige Fenster viel Licht herein lassen. Einen blauen Salon gibt es hier auch (im sechsten Stockwerk über der Brücke). Der Fernsehraum ist eigentlich kein fern-seh-Raum, sondern ausgestattet mit TV und einer großen Schrankwand voller Bücher. Überall Glas und Messing in der Cafeteria und dem Speisesaal. Das Mobiliar der Bars und Aufenthaltsräume wurde geschmackvoll auf die Farbe der Teppiche und Wandverkleidungen abgestimmt, alles wirkt sehr harmonisch. Wenn ich mir aber vorstelle, dass die Mehrzahl der vielen Sessel mit schwatzenden Touris besetzt sind, ist es mit der Behaglichkeit vorbei.

Das Sonnendeck gleicht einem Fußballfeld, nicht ganz so groß, aber genauso grün (in dieser Beziehung ist die >Kong Harald< doch ein richtiger Hurtigdampfer). Für einen Tenniscourt reicht der Platz aber allemal. Die Dimensionen sind mit denen auf den kleinen traditionellen Schiffen nicht vergleichbar. Hier herrscht Kreuzfahrt-Atmosphäre. Ein wenig kann ich jetzt die Ami-Touris von der >Nordlys< verstehen, als sie aus dieser Umgebung zu uns an Bord kamen.

Aber passt dieses Ambiente zu einem Postschiff der Hurtigrute?

„Hier hätte ich das Gefühl, schon zum Frühstück im Abendkleid erscheinen zu müssen“. „Rucksackreisende müssen sich wie ein Fremdkörper vorkommen und bald in eine Ecke verkriechen“. „Schnell wieder rüber auf unseren alten Kahn“. So die Kommentare meiner Mitreisenden.

Da sind wir uns im Grunde einig. Aber andererseits sind diese komfortablen Schiffe für das Überleben der Hurtigrute notwendig. Wenn in ein paar Jahren keine staatlichen Subventionen mehr fließen, rechnet sich der Betrieb nur noch über den Tourismus und der verlangt (in der Mehrheit) eben diesen Luxus. Auch wenn dabei der eigentliche Charakter der Reise weitgehend verloren geht.

Hoffentlich fahren einige der traditionellen Dampfer noch möglichst lange. Leider werden schon 1996 zwei weitere (die >Ragnvald Jarl< und die >Nordnorge<) ausgemustert, so daß dann nur noch drei Oldies übrig sein werden. Spontan beschließen wir zusammenzulegen um die >Kong Olav< kaufen zu können, wenn es bei ihr einmal soweit sein sollte. Eine Anzahlung von 10.000 Kronen könnten wir dem Kapitän gleich auf den Tisch legen.

Noch am Frühstückstisch werden die Eindrücke unseres Besuches in der Zukunft diskutiert, als plötzlich die Alarmglocken schellen. Dass es sich nur um einen Probealarm handelt, hat uns Hege Sekunden zuvor mitgeteilt. Wie zum Beweis dessen schenkt sie in aller Ruhe Kaffee nach. Sie ist die einzige der Besatzung, die von der Übung nicht tangiert scheint. Alle anderen beziehen, mehr oder weniger verkleidet (z.B. der Koch in grellgelbem Overall) ihre vorgegebenen Positionen.

Ich sitze noch alleine vor einer Tasse Kaffe und beobachte, wie draußen ein LKW mit der Aufschrift „frukt og grønnsaker“ vorfährt um neuen Proviant zu liefern. Hege beginnt die Tische abzuräumen. Wir kommen ins Gespräch, in dessen Verlauf sie sich ebenfalls eine Tasse Kaffee holt. Bei diesem netten Plausch vergeht die Zeit. Es ist eins der wenigen Male, dass ich das Ablegen des Schiffes nicht von der Reling aus beobachte.

Das Wetter will heute wohl das ausgleichen, was es uns gestern des Guten zuviel getan hat. Kein Sonnenstrahl verirrt sich zu uns, graue Wolken sind aufgezogen. An der Ausfahrt des Trondheimfjordes regnet es sogar heftig. So richtig trostlos ist das Ganze. Aber es paßt zur momentanen Stimmung. Gedanklich bin ich bereits beim morgigen Abschied von der >Kong Olav<. Irgendwie ist mir das Schiff ans Herz gewachsen.

Immer wieder zieht es mich zwischen meinem Lieblingssessel und dem Stammplatz an Deck hin und her. Es gibt zwar wenig zu sehen, aber allein das Meer zu riechen und zu spüren ist Grund genug, mich draußen aufzuhalten - bis zur nächsten Aufwärmphase.

Auch beim Landgang in Kristiansund regnet es. Aber wozu habe ich mir schließlich vor diesem Urlaub eine neue Regenjacke zugelegt. Und die Stadt erscheint auch bei diesem Wetter sehenswert. Nur schade, dass der Fahrplan wenig Zeit bis zur Abfahrt lässt.

Es ist schon dunkel, als wir die >Ragnvald Jarl< treffen. Mit dem bekannten dreimaligen Tuten rauscht sie vorbei. Ich glaube, bei allen Schiffen der Hurtigrute einen unterschiedlichen Klang des Presslufthorns gehört zu haben. Wahrscheinlich könnten Experten alleine daran erkennen, um welchen Küstenfahrer es sich handelt.

Zum letzten Abendessen  an Bord überrascht die Servicecrew uns „Stammgäste“ mit einem fast festlich gedeckten Tisch und einer Flasche Rotwein. Bisher haben alle immer die abendliche Weinkarte ignoriert und mit Wasser (Leitungswasser mit Eiswürfel, schmeckt köstlich) vorlieb genommen. Wir werden mit Krabbensalat, Rentierbraten und zum Abschluss einem leckeren Eis mit heißen Waldbeeren noch einmal richtig verwöhnt.

Molde und um Mitternacht Ålesund sind heute die letzten Stationen. Damit auch die letzten Gelegenheiten, sich nochmals an Land umzusehen. Das Wetter am Abend ist nahezu mild, es weht nur ein laues Lüftchen. Im Mondenschein ziehen Inseln und die nahe Küste vorbei. Lautlos, nur das regelmäßige Klopfen der Maschine und das Rauschen des Wassers durchbricht die Stille. Zahllose Lichter zeugen davon, dass wir immer mehr in dichter bewohnte Regionen des Landes kommen.  

Dienstag, 03. Oktober 1995 - 12.Tag

In der Nacht habe ich relativ wenig geschlafen. Das lag aber nicht so sehr am Schaukeln des Schiffes (Vestkapp!), sondern wohl mehr am aufkommenden Reisefieber. Dabei habe ich die meisten Klamotten bereits gestern Abend gepackt.

In der Hoffnung auf einen schönen Morgen stehe ich früh auf. Es dämmert gerade. Feiner Sprühregen weht über das Deck. Die umliegenden Berge haben sich einen Wolkenumhang über die Schultern geworfen. Mit einer Tasse dampfenden Kaffee in der Hand genieße ich diese faszinierende Morgenstimmung [Edvard Grieg lässt grüßen].

Der Vormittag zieht sich dahin. Immer häufiger sehe ich auf die Uhr. Man sollte den Fahrplan ändern: Gleich nach dem Frühstück müsste das Postschiff in Bergen anlegen. Kurz und schmerzlos.

Zum wiederholten Male mache ich einen letzten Rundgang. Überall auf dem Schiff sieht es nach Abschied aus. Längst schon stehen die Gepäckstücke auf den Gestellen am Eingang für die Ankunft bereit. Die Kabinen sind geräumt und werden bereits für die nächsten Gäste hergerichtet.

Landschaft und Wetter haben heute auch keinen großen Unterhaltungswert. Kahle Felsen gleiten vorbei. Regen, Wolken und Gischt bestimmen das Bild draußen. Dennoch halte ich es nicht lange in meinem blauen Sessel aus, es zieht mich wieder an Deck.

Hier oben habe ich viele unvergessliche Stunden während der Reise verbracht, zauberhafte Landschaften gesehen und zahlreiche An- und Ablegemanöver beobachtet. Die gesamte norwegische Küste zog in den vergangenen elf Tagen vorbei. Natürlich bewegten wir uns mit dem Schiff vorwärts und nicht umgekehrt. Aber schon nach kurzer Zeit gewinnt man den Eindruck, nur Zuschauer eines fantastischen Naturschauspieles zu sein. Gelegentlich übernimmt man darin eine kleine Statistenrolle (beispielsweise in den Szenen mit starkem Seegang).

Auch der Holländer und Tina aus Iserlohn wandeln mit ungewohnter Rastlosigkeit über das Schiff. Wir wechseln ein paar belanglose Worte. Jeder hängt in diesen Minuten seinen Gedanken nach.

Lange schon sind die Ausläufer der Stadt Bergen zu sehen. Die Bebauung der Ufer wird zunehmend dichter. Über Backbord ist der Binnenhafen mit dem Fischmarkt am Ende zu erkennen. Dann taucht hinter der nächsten Ecke die große Brücke auf, an deren Fuß der Hurtigruten-Kai liegt.

Langsam und präzise wie immer nähert sich die >Kong Olav< dem Anleger. Leinen fliegen. Ein leichter Ruck signalisiert das endgültige Ende der Reise.

Plötzlich kommt Bewegung in die Passagiere. Gedränge vor dem Ausgang, jeder rückt seinen Koffer zurecht. Ein kurzer Abschied von meinen Tischgenossen aus Holland per Händedruck. Die Lucke öffnet sich. Ein knappes „Tschüß“ und „Alles Gute“ für und von den Mitreisenden. Unvermittelt stehe ich im strömenden Regen auf dem Kai. Jeder sucht sich sein namentlich vorbestelltes Taxi. „Til Hotell...“

Erst auf der Fahrt fällt mir ein, dass ich mich weder von Hege noch von Heidegunn verabschiedet habe [...]. Auch die >Kong Olav< habe ich sang- und klanglos verlassen. Fast panikartig sind wir alle von Bord gegangen - weggelaufen vor Sentimentalitäten und Emotionen.

Aber wir bleiben verbunden!

Jeg elsker deg, >KONG OLAV< !

Text: Klaus-Dieter Schneider Ókds/1996